
Auf der Luftaufnahme ist deutlich zu erkennen, dass die Toten in Reihengräbern liegen. Alle blicken nach Osten. (FOTO: LANDESAMT)
Eric Müller ist als Archäologe wahrlich kein Anfänger mehr. Der 35-Jährige hat nach seinem Studium schon an etlichen Ausgrabungen teilgenommen und sogar etwas erlebt, wovon jeder Indiana-Jones-Fan träumt: Er war bei der Bergung eines Silberschatzes bei Bautzen hautnah dabei.
Was der gebürtige Wismarer und sein 13-köpfiges Team aber in den vergangenen Wochen unweit des Saalekreis-Ortes Wünsch nahe des Geiseltalsees ans Tageslicht brachten, das ist auch für den Fachmann etwas ganz Besonderes. Im Zuge der archäologischen Untersuchungen auf der ICE-Neubaustrecke Erfurt-Halle / Leipzig legten die Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in nur wenigen Zentimetern Tiefe ein etwa 1 500 Quadratmeter großes Reihengräberfeld aus dem Hochmittelalter, also dem zehnten bis zwölften Jahrhundert, frei.
Christianisierte Slawen
Mit seinen insgesamt rund 200 Bestattungen handelt es sich nicht nur um eines der größten Gräberfelder dieser Zeit, die bisher in Sachsen-Anhalt entdeckt wurden. Das, was die Expertengesichter zum Strahlen bringt, sind zudem der Umriss eines rechteckigen hölzernen Sakralbaus von zehn mal zehn Metern Größe unmittelbar am Bestattungsplatz. Nachweise für einen Holzbau, der ganz offenbar für religiöse Zwecke diente und aus dieser Zeit stammt, sind äußerst selten. Es ist vielmehr erst der zweite in ganz Mitteldeutschland. Sein Grundriss erinnert auch noch nicht an die klare Unterteilung einer Kirche mit Langhaus, Chor und Apsis. Dazu kommt, dass die Toten - Männer, Frauen und Kinder - in einer Mischung aus slawischen und christlichen Traditionen beerdigt wurden.
Nun ist aus der Chronik von Wünsch bekannt, dass einst Slawen die Niederlassung gründeten, die als Unschi im neunten Jahrhundert im Hersfelder Zehntverzeichnis erstmals erwähnt wird. So ähnlich dürfte es sich auch mit der längst von der Landkarte verschwundenen Nachbarsiedlung zugetragen haben, zu der der Begräbnisplatz nachweislich gehört. Die Archäologen wissen, dass sich die Häuser der Bewohner nur knapp 200 Meter weiter nördlich befanden.
Nahmen sie den christlichen Glauben an, um in der neuen Umgebung schlicht zu überleben? Gaben sie gleichzeitig in den Nächten die Geschichten über Götter ihrer Vorfahren an die nächsten Generationen weiter und riskierten dabei Haut und Haar, so wie es im Weltbestseller von Donna W. Cross "Die Päpstin" über die Geschichte der Johanna nachzulesen ist?
Auswertung wird Monate dauern
Eric Müller ist Wissenschaftler. Zu Spekulationen will er sich nicht hinreißen lassen, verweist auf die Auswertung der mittlerweile geborgenen Funde, die noch Monate in Anspruch nehmen wird. Was für ihn und seine Kollegen zählt, sind einzig Fakten. "Die Toten lagen alle auf dem Rücken, den Blick nach Osten gerichtet, ganz nach der christlichen Bestattungsweise", erklären Beate Leinthaler und Helge Jarecki, die beiden Projektkoordinatoren. Doch bei Christen waren Beigaben in den Gräbern nicht üblich. Gerade sie aber gab es bei Wünsch in Hülle und Fülle. So hatte ein Toter quasi als Münze eine halbierte Metallscheibe aus Bronze im Mund, als sollte er damit die Überfahrt ins Totenreich bezahlen.
Der Lößboden sorgte zudem nicht nur für eine hervorragende Konservierung der Bestattungen. Ihm ist auch zu verdanken, dass selbst nach so vielen Jahrhunderten in einem Grab ein Ei zum Vorschein kam, bekanntlich das Symbol für Wiederauferstehung und Fruchtbarkeit.
Ganz zu schweigen vom Schmuck. Ketten, Schläfen- und Fingerringe aus Silber und Bronze, Perlen von unterschiedlicher Farbe, Form und Größe - was jetzt durch Restauratoren sorgfältig gereinigt, beschriftet und verpackt wird, bringt selbst Eric Müller zum Schwärmen. Beinahe zärtlich nimmt der Grabungsleiter die 1 000 Jahre alten Stücke in seine Hand. Von den Schläfenringen fand sein Team einmal sogar bei einer Toten sechs Stück, je drei links und rechts am Kopf. Wahrscheinlich waren sie an einem Band befestigt oder kunstvoll ins Haar geflochten. Es gibt Fingerringe, auf denen immer noch ein Muster zu erkennen ist.
Handel bis nach Indien
Doch auch andere Funde hatten schon einen weiten Weg zurückgelegt, bis man sie am Bächlein Schwarzeiche rund 20 Kilometer westlich des Bischofssitzes Merseburg den Verstorbenen für das nächste Leben mitgab. Da sind geschliffene Karneol-Perlen, die wie Bernstein aussehen. Abgesehen davon, dass die Einheimischen das nötige Handwerk dazu noch gar nicht beherrschten, wurde dieser Halbedelstein zu jener Zeit bis aus dem fernen Indien von Händlern mitgebracht. Auf welch abenteuerlichen Wegen mag er in die Siedlung der christianisierten Slawen bei Wünsch gelangt sein? War es für die Menschen von Vorteil, dass ihr Ort an einer wichtigen Kriegs- und Handelsstraße lag, welche von Halle über Bad Lauchstädt nach Thüringen führte?
"Hier lebte eine wohlhabende Gemeinschaft, die erfolgreich bäuerlich wirtschaftete und so über die nötigen Produkte für einen vielfältigen Tauschhandel verfügte", ist für Matthias Becker, den Gebietsreferenten und Projektleiter vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, der einzig mögliche Schluss. Und für Eric Müller, der ab Juni das Feld für die Trassen-Bauarbeiten räumen muss, ist eines klar: "Ich habe schon viel gesehen. Aber diese Grabung wird mir mit Sicherheit in Erinnerung bleiben. Funde wie dieser bereichern den Archäologenalltag ungemein."
Weitere Entdeckungen möglich
Einstweilen nutzt er aber jede verbleibende Minute, um seiner aktuellen Grabungsfläche so viele Informationen wie möglich über das Bauwerk neben dem Bestattungsplatz zu entlocken. Für den Laien sind dort nur dunkelbraune Verfärbungen und kleine Ringe in der ockerfarbenen Erde zu erkennen, die nun Millimeter für Millimeter weiter abgetragen wird. Der Fachmann sieht die Palisaden förmigen Wände und Pfosten, die wahrscheinlich die Dachlast trugen, vor seinem geistigen Auge. "Für seine Zeit ist der Bau gewaltig", schätzt der 35-Jährige ein. "Was haben die Menschen hier drin wohl getan?", fragt er sich. Und meint: "Nur für eine Totenwache wäre das Gebäude zu groß." Noch ist ja etwas Zeit, das Geheimnis zu lüften.
